RICHTER: LEBENSLÄNGLICH

ein Dokumentarfilm von Dietmar Ratsch

„Eigentlich bin ich ein Staatsschauspieler“ sagt der Amtsrichter Grässle, stellvertretender Direktor am Amtsgericht Berlin Mitte. „Leider war ich aber nie auf einer Schauspielschule und habe stattdessen zehn Semester Jura studiert!“ Der Platz des Richters im Gerichtssaal ähnelt tatsächlich dem auf einer Theaterbühne. Hier laufen alle Fäden zusammen. Dort sind die Aussagen der Kläger, der Beklagten, die Plädoyers der Anwälte und die Aussagen der Zeugen - im Gegensatz zu den gängigen Gerichtshows sind sie echt.

Richterliche Unabhängigkeit, Ernennung auf Lebenszeit und die Macht, über existentielle Belange anderer Bürger entscheiden zu können, geben dem Beruf des Richters eine einzigartige Stellung in der Gesellschaft.
Richter tragen ebenso große Macht wie Verantwortung, sie sind keiner direkten Kontrolle ausgesetzt und bekommen tiefe Einblicke in zwischenmenschliche Probleme.
Uns interessieren die persönlichen Konflikte dieser Menschen bei ihrer alltäglichen Arbeit. Die ständige Gradwanderung zwischen juristischen Aspekten und den sozialen Bedingungen der Betroffenen bereitet vielen Richtern während der Entscheidungsfindung große Probleme. Deshalb suchen Richter gezielt die Kommunikation mit anderen Kollegen oder treffen sich in Supervisionen.
Hier lernen sie in erster Linie ihre Entscheidungsbarrieren zu lösen, indem sie bei sich selbst nach deren Ursachen suchen - im Einfluss ihres sozialen Umfeldes oder in ihren persönlichen Erfahrungen.
Auch der Gesetzgeber hat erkannt, dass die Persönlichkeit des Richters ent-scheidend für seine Urteilsfähigkeit ist. Im Juli 2003 wurde der Anspruch des Einstellungsverfahrens zum Richteramt um den Zusatz „der erforderlichen sozialen Kompetenz“ erweitert.
Da stellt sich die Frage, ob die soziale Kompetenz bisher nicht notwendig war bzw. durch welchen Anlass diese Erweiterung gerade jetzt verursacht wurde?
Unter diesem besonderen Blickwinkel interessiert uns der Mensch unter der Robe. Wir begleiten verschiedene Richter in ihrem Alltag, zeigen Wege der Entscheidungsfindung und verschiedene Verarbeitungsmöglichkeiten von Problemsituationen und Fällen. Wir beobachten, wie unterschiedlich die Fähigkeiten zur Selbstreflexion und Selbstkontrolle bei Richtern sind und in welcher Bandbreite eine Richterkarriere verlaufen kann.
So entsteht ein facettenreiches Bild der Menschen, auf die wir, die Bürger, bei der Suche nach Gerechtigkeit im Gerichtssaal treffen.

RICHTER: LEBENSLÄNGLICH

ein Dokumentarfilm von Dietmar Ratsch

DREHBUCH

Sonia Otto & Dietmar Ratsch
Deutschland 2007, 85 min

PRODUKTION

INDI FILM GmbH / SWR

FÖRDERUNG

MFG